Der Retail und seine Anforderungen an Produkt- und Mediendaten

5 Minuten
dynamicTools | Retail und Anforderungen, Produkt- und Mediendaten

In der physischen Welt des Einzelhandels war die Welt lange Zeit überschaubar. Ein Produkt stand im Regal, der Kunde nahm es in die Hand, prüfte die Haptik, las das Etikett und traf eine Entscheidung. Der Händler kuratierte sein Sortiment auf begrenzter Fläche, und die Kommunikation zwischen Hersteller und Point of Sale (POS) beschränkte sich oft auf Lieferscheine und Werbeplakate.

Doch diese Ära ist längst vorbei. Heute ist der Retail ein hybrides Ökosystem, in dem die Grenzen zwischen Onlineshop, Marktplatz-Präsenz und stationärem Geschäft verschwimmen. In dieser neuen Realität sind Produktdaten nicht mehr nur technische Anhängsel – sie sind das Rückgrat des modernen Handels. Ohne präzise, konsistente und inspirierende Daten bleibt das digitale Regal leer, selbst wenn das Lager voll ist.

Die neue Währung des Handels: Warum Daten heute alles sind

Früher hieß es „Location, Location, Location“. Heute müsste es für den Retailer eher „Data, Data, Data“ heißen. Die Anforderungen, die Handelsunternehmen an Hersteller stellen, sind massiv gestiegen. Das hat einen einfachen Grund: Der Kunde ist ungeduldig und informierter als je zuvor.

Wenn ein Konsument heute nach einer „wasserabweisenden Outdoorjacke in Olivgrün, Größe L, mit recyceltem Polyester-Anteil“ sucht, muss das System des Händlers diese Information in Millisekunden liefern. Fehlt das Attribut „recycelt“ oder ist die Farbe nur als „Code 405“ hinterlegt, findet das Produkt nicht statt. Produktdaten sind die Brücke zwischen dem Bedürfnis des Kunden und dem Warenkorb des Händlers.

Vom Informationsträger zum Conversion-Treiber

Qualitativ hochwertige Daten erfüllen im Retail heute zwei Kernaufgaben. Erstens dienen sie der Logistik und Identifikation (EAN, Gewicht, Maße, Verpackungseinheiten). Das ist das Pflichtprogramm. Zweitens fungieren sie als Verkaufsargument.

Die Mediendaten aus Multiplizierer im Abverkauf

Hier kommen die Mediendaten ins Spiel: Hochauflösende Bilder, 360-Grad-Ansichten, Anwendungs-Videos und emotionale Storytelling-Texte. In einer Welt, in der man Produkte nicht mehr zwingend berühren kann, müssen Daten die Haptik durch Optik und Information ersetzen.

Die Anatomie der Anforderungen: Granularität und Struktur

Der Handel fordert heute eine Tiefe an Informationen, die viele Hersteller vor logistische Herausforderungen stellt. Es reicht nicht mehr aus, ein PDF-Datenblatt zu schicken. Die Anforderungen lassen sich grob in drei Kategorien unterteilen:

1. Stammdaten und logistische Präzision

Hier geht es um die nackten Fakten. Abmessungen müssen bis auf den Millimeter stimmen, Gewichte auf das Gramm genau sein. Besonders im Bereich des E-Commerce sind diese Daten kritisch für die Berechnung von Versandkosten und die Lagerplatzoptimierung. Ein Fehler in den Stammdaten führt zu einer Kettenreaktion von Retouren, Fehlkalkulationen und letztlich zu verärgerten Kunden.

2. Marketing- und Content-Daten

Hier entscheidet sich, ob ein Produkt „sexy“ ist. Der Retail verlangt heute nach Texten, die nicht nur informieren, sondern überzeugen. Dazu gehören:

3. Die visuelle Komponente: Mediendaten

Bilder sind im Online-Handel das Äquivalent zum Griff ins Regal. Der Retail fordert heute standardisierte Ansichten (Front, Seite, Detail), aber zunehmend auch „Lifestyle-Shots“, die das Produkt im Einsatz zeigen. Hinzu kommen technische Anforderungen: Dateiformate, Farbräume (RGB vs. CMYK), Auflösungen und Benennungskonventionen. Wer hier als Hersteller ein Bild schickt, das schlicht „IMG_4829.jpg“ heißt, hat im modernen Retail-Prozess schon fast verloren.

Die Komplexität der Kanäle: Ein Datensatz reicht nicht mehr

Eine der größten Herausforderungen für den Handel ist die Omnichannel-Strategie. Ein Produkt wird gleichzeitig im eigenen Onlineshop, auf Plattformen wie Amazon oder Zalando, in der mobilen App und über Social-Commerce-Kanäle ausgespielt. Jeder dieser Kanäle hat eigene Anforderungen.

Marktplätze als Taktgeber

Marktplätze sind die strengsten Lehrmeister. Wer dort listen will, muss sich sklavisch an deren Kategoriestrukturen und Attributlisten halten. Fehlt ein Pflichtfeld, wird das Produkt nicht freigeschaltet. Der Retailer fungiert hier oft als Aggregator, der die Datenflut der Hersteller bändigen muss, um sie passgenau für die verschiedenen Plattformen aufzubereiten. Das führt dazu, dass Händler immer häufiger auf PIM-Systeme (Product Information Management) setzen und von ihren Lieferanten fordern, diese Systeme direkt zu bedienen.

Das Nadelöhr der Qualität: Warum „gut“ nicht mehr gut genug ist

Man könnte meinen, im Zeitalter von KI und Automatisierung sei der Datenaustausch ein gelöstes Problem. Die Realität in den Content-Abteilungen der großen Retailer sieht anders aus. Dort wird oft noch händisch nachgebessert, korrigiert und ergänzt.

Konsistenz ist das A und O

Nichts verunsichert einen Kunden mehr als widersprüchliche Informationen. Wenn das Bild eine blaue Jacke zeigt, der Text sie als grün beschreibt und die technischen Daten von „Navy“ sprechen, ist der Kaufabbruch vorprogrammiert. Der Retail fordert daher eine „Single Source of Truth“ – einen goldenen Datensatz, der über alle Kanäle hinweg konsistent ist.

Aktualität in Echtzeit

Produkte ändern sich. Inhaltsstoffe werden angepasst, Zertifikate erneuert (man denke an die EU-Lieferkettenrichtlinie oder Nachhaltigkeitssiegel). Der Handel verlangt heute, dass Datenänderungen in Echtzeit oder zumindest zeitnah synchronisiert werden. Ein Hersteller, der eine Rezepturänderung vornimmt, ohne die digitalen Daten des Händlers zu aktualisieren, riskiert nicht nur Abmahnungen, sondern massives Vertrauen beim Endverbraucher./

Die technologische Lösung: PIM und DAM als Fundament

Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, haben sich zwei Systeme als unverzichtbar erwiesen: PIM (Product Information Management) für die Texte und Attribute und DAM (Digital Asset Management) für die Mediendaten wie Bilder und Videos.

Der moderne Retailer erwartet von seinen Partnern heute oft eine automatisierte Schnittstelle (API), über die diese Systeme miteinander kommunizieren. Der manuelle Datenaustausch via Excel-Listen wird zum Auslaufmodell. Wer als Hersteller in der Lage ist, seine Daten strukturiert über Standards wie BMECat oder GDSN bereitzustellen, wird zum bevorzugten Partner des Handels. Denn Datenqualität ist mittlerweile ein hartes Auswahlkriterium bei der Listung.

Fazit: Datenqualität ist Kundenservice

Wir müssen aufhören, Produktdaten als rein technische Notwendigkeit zu betrachten. In der digitalen Welt ist das Datum das Produkt. Der Retailer ist darauf angewiesen, dass der Hersteller ihm die Werkzeuge liefert, mit denen er verkaufen kann.

Die Anforderungen an Produkt- und Mediendaten werden weiter steigen. Mit Technologien wie Augmented Reality (AR), bei denen Kunden Möbel virtuell in ihr Wohnzimmer stellen, oder KI-gestützten Beratungs-Bots, werden die Anforderungen an die Detailtiefe der Daten nochmals explodieren.

Für Hersteller und Händler gleichermaßen gilt: Wer heute in eine saubere Datenstruktur investiert, investiert direkt in die Kundenzufriedenheit von morgen. Denn am Ende des Tages will der Kunde keine Daten – er will Sicherheit bei seiner Kaufentscheidung. Und diese Sicherheit geben ihm nur korrekte, vollständige und inspirierende Informationen.

Autoren-Avatar
Oliver Dietz Managing Director

Einen Blick wert